| Hier stellen wir Ihnen monatlich wechselnd immer eine neue Schlagfertigkeitstechnik vor:
Bisherige Techniken:
Pauschalvorwürfe -
Masslos Übertreiben -
Suggestivfrage -
Fokus- Rückfrage -
Bildhafte Vergleiche -
Unerwartetes Zustimmen -
Versteckter Gegenangriff -
Feststellungsfrage als Entscheidung -
Wäre Ihnen... lieber? -
Glasklar Richtigstellen -
Voll zu sich stehen -
Umgang mit Komplimenten -
Feststellungsfrage -
Die Kunst Nein zu sagen -
Die Kunst Ja zu sagen -
Darüber reden, wie man miteinander redet -
Bewusst strategisches Ablenken -
Angreifer in Rechtfertigungsdruck bringen -
Aushebeln durch Mitleid bekunden -
Blattschuss-Einwände während Präsentationen -
Was tun bei Warum-Fragen -
Was tun bei Etikettier-Vorwürfen -
Abändern von Redewendungen -
Das Prinzip Nullausgleich
Schlagfertigkeitsstrategie: "versteckte Gegenangriff"
"Wisst Ihr eigentlich warum Jonny den Spitznamen Jonny hat? Ich sag´s euch: Weil Jonny früher einmal gesagt hat, wenn ich schwul bin, will ich Jonny heissen."
Alles in der Runde prustet laut heraus vor Lachen. Jonny sitzt mitten unter der sich auf die Schenkel klopfenden Meute und lächelt gequält. Er ist weder schwul, noch kann er darüber lachen. Die Kollegen machen halt "wieder einen Spass" denkt er. Gerne würde er etwas passendes erwidern. Aber er fühlt sich getroffen und ihm will einfach nichts einfallen. Das ist eine Situation, vor der sich so manche Menschen fürchten: In eine Lage zu geraten, wo in geselliger Runde übereinander gefrozelt wird und wo sie einfach "nicht mithalten" können. Passiv werden sie das Opfer von Flachsereien. Es gibt immer einige, die in solchen Runden tonangebend sind und einige andere, die meistens das Objekt des Spasses darstellen.
Im Prinzip ist das ein Gesellschaftsspiel, das die Schlagfertigkeit in seinem Wesen hervorragend trainiert. Hier wird dezent, subtil ausgeteilt. Aber in der gespannten Erwartung auch etwas zurückzubekommen. Ist diese Replik gelungen, wird das von der Umgebung mit schallendem Gelächter quittiert.
Nachher fällt Jonny dann der Spruch ein, den er hätte erwidern können: "Ja warum heisst DU dann nicht Jonny?"
Versuchen Sie sich mal zu erinnern: Die Bemerkungen, die Ihnen erst wieder mal eine Stunde später einfallen, sind meist von der Natur, das der andere eins übers Dach bekommen hätte. Aber mal Hand aufs Herz: Die Bemerkung, die Ihnen da eine Stunde später eingefallen ist, hätten Sie die wirklich in 100% aller Fälle in dieser Situation auch gesagt? Ich will Sie ermuntern es auf jeden Fall zu tun. Auch wenn Sie nicht wissen, wie es aufgenommen wird. Sie erweitern dadurch dramatisch Ihre Selbstwertkreise. Und das ist das wichtigste bei der Schlagfertigkeit. Handle mutig - und du wirst mutig.
Diese Art des Erwiderns stellt den Urkern der Schlagfertigkeit dar. Hier steckt der dezente Seitenhieb mit in der Antwort. Hier wird ausgeteilt aber auch wieder eingesteckt. Der Kern des Wortes Schlag-fertigkeit besteht aus "schlagen". Das heisst, den anderen in irgend einer Form schlecht aussehen zu lassen.
Ich war einmal bei Radio Köln zu einem Interview ins Studio eingeladen. Sonst in diesen Fällen ist es immer so, dass der Herr Schlagfertigkeits-Trainer vom Moderator angegriffen wird und der soll gefälligst mal seine Fähigkeiten demonstrieren. Diesmal aber wollte der Moderator es umgekehrt haben. Ich sollte ihn angiften und er wollte schauen, was ihm als Erwiderung einfällt. Der Moderator hiess Torsten Knippertz und der Bursche war wirklich gut. Hier sein grösster Coup. Ich sagte zu ihm: "Eine Hirnzelle weniger und du wärst ´ne Pflanze" - Darauf sagte er: "Zwei Hirnzellen weniger und ich wäre DU" - Ich musste lachen, wie bei einer Vulkaneruption. Gelungene Schlagfertigkeit in so einer Runde ist schön, selbst wenn man das Opfer ist.
Ich habe bei der Beschäftigung mit dem Thema eins lernen müssen: Leute die Schwierigkeiten haben andere anzugreifen, sind die selben Leute, die auch Mühe haben sich schlagfertig zu verteidigen. Deshalb fördert es ungemein Ihre Schlagfertigkeit, wenn Sie mal trainieren auszuteilen. Das meine ich wirklich so. Das können Sie täglich tun. Machen Sie das in einer Runde, die Ihnen wohlgesonnen ist und wo die Spielregeln bekannt sind. Am Fest in bierseeliger Stimmung, in der Kneipe nach Feierabend, beim Firmen-Aperitif, im Vereinsheim oder beim Apres-Ski. Aber warum nicht auch zu Hause, wo der Herr Sohn oder die Frau Tochter schon länger meinen, den Eltern eins in die Seite geben zu können.
Trainieren Sie mal der Agressor zu sein und nicht immer das Opfer. So werden Sie auch in der Lage sein, einen Gegenschlag zu landen. Es ist eine Illusion zu glauben, dass man nur den Zweitschlag im Griff haben sollte. Das ist das selbe, wie eine Fussballmannschaft, die ausschliesslich die Verteidigung trainiert - niemals wird so eine Mannschaft Meister werden - Im Gegenteil, sie wird zwingend absteigen.
Winston Churchill wurde mal während einer Abendsoiree von einer Dame angegriffen: Die Dame sagte: "Wenn ich Ihre Frau wäre, würde ich Ihnen Gift geben!" Churchill antwortete:- "Wenn ich Ihr Mann wäre, würd ich's nehmen."
Sagte ein Kind zum anderen Kind: "Du bist ja nur adoptiert, du gehörst ja gar nicht deinen Eltern." Darauf das erste Kind: "Mich konnten sie wenigstens aussuchen, dich mußten sie nehmen, wie du warst."
In meiner Gymnasialzeit war ich der ziemlich freche Klassenclown. Bei einem Schulkonzert, wo wir mit der Klicke vereinbart hatten einfach nicht mehr mit dem Klatschen aufzuhören, kam plötzlich der Direktor von hinten und brüllte mich an: "Pöhm du Spinner, was suchst du noch hier, du gehörst doch in die Irrenanstalt." Mit meinem heutigen Wissen hätte ich antworten sollen. "Prima, da können wir ja ´ne Zelle teilen."
Wenn ich die Hitparadenlieblinge der schlagfertigen Antworten aussuchen sollte, die von fast jedermann als gelungen eingestuft werden, so sind das ausschliesslich Erwiderungen, bei denen ein versteckter Gegenangriff mit plaziert wird. Mein Wunsch ist es, dass Sie bei solchen Angriffen einfach nicht mehr hilflos, verdattert stehen bleiben - sondern dass Sie erstens sich erlauben frech zurückzugeben und zweitens ein Repertoire an möglichen Repliken besitzen. Das zweite schaffen Sie durch Training oder aber durch Lernen von Bemerkungen, die einfach sehr oft passen.
Deshalb hier zwei Standard-Antworten die sich sehr oft, auf Angriffe universell erwidern lassen:
Beispielangriff: "Mein Gott, siehst du fertig aus!"
1) Weißt du, du bist halt mein Vorbild
2) Dann passen wir ja gut zusammen
Liebe Leser machen Sie Jetzt bitte mal unmittelbar den Test: prägen Sie sich eines der beiden Antworten ein, gehen Sie zu ihrem Kollegen und sagen ihm: "Los greif mich mal an". In 7 von 10 Fällen dürfte Ihre Antwort passen.
>> zur nächsten Technik der Schlagfertigkeit
(Copyright Matthias Pöhm. Dieser Artikel darf nur mit Genehmigung des Autors
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